Otto Köhlers kritische Biographie
über Rudolf Augstein:
Ein Leben für Deutschland
Otto Köhler
in KONKRET 05/92:
Offizielle Mitarbeiter
Von Otto Köhler ist die kritische Biographie "Rudolf
Augstein - ein Leben für Deutschland" (Droemer) erschienen,
hierzu eine Besprechung aus der der Amazon.de-Redaktion
(Christian
Stahl).

Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik: Rudolf
Augstein, der den investigativen Journalismus hier zu Lande eingeführt
hat, wird auf seine alten Tage nun selbst zum Objekt der Recherche. Da
sucht und forscht ein Journalist und ehemaliger Spiegel-Mitarbeiter in
Augsteins Vergangenheit und bringt Überraschendes zu Tage. Ausgerechnet
der Spiegel, dieses "Sturmgeschütz der Demokratie" hat besonders in seiner
Anfangszeit NS-Männer beschäftigt, und zwar in leitender Position.
Es handelt sich hier also nicht um eine
Biografie herkömmlichen Zuschnitts. Einblicke ins Privatleben darf man
schon gar nicht erwarten. Es gibt zwar ein Kapitel "Rudolf Augstein und
die Frauen". Aber darin erfährt man nicht recht viel mehr, als dass der
Spiegel-Herausgeber "ebenso viele Ehefrauen absolviert" hat wie Intimfeind
Axel Springer (nämlich fünf) -- und darüber hinaus eine Neigung "zu hohen
Frauen" besitzt, die ihn um Haupteslänge überragen. Im Mittelpunkt steht
allein der politische Journalist und seine Vergangenheit: der Aufbau des
Magazins, die Spiegel-Affäre, der Kampf gegen Strauß und Co., Augsteins
kurzer Abstecher in die Politik und seine Reaktion auf die deutsche
Wiedervereinigung.
Vieles, was Köhler aus der Frühzeit des Spiegel berichtet, ist nicht ganz
neu. Aber in dieser pointierten und ausführlichen Form sind seine
Erkenntnisse -- und auch sein Stil -- beeindruckend. Auch wenn bekannt ist,
dass nach Kriegsende so manche Nazi-Karriere in Politik und Wirtschaft
recht nahtlos fortgesetzt wurde, muss man doch staunen, dass auch die
Spiegel-Redaktion da keine Ausnahme machte. Da durfte zum Beispiel ein
ehemaliger Gestapo-Chef eine ausführliche Serie zu einem einschlägigen
Thema verfassen. Und ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer war sogar bis zur
seiner Pensionierung Stellvertretender Chefredakteur.
Da bekommt das Denkmal Augstein -- "Journalist des Jahrhunderts" -- tiefe
Risse. Aber Köhler möchte es mit seinem Buch nicht gänzlich einreißen,
sondern zu einem differenzierteren Bild dieses ungewöhnlichen und
ungewöhnlich erfolgreichen Menschen beitragen. Und einen Anstoß geben,
dass sich auch der Spiegel, diese Institution des kritischen Journalismus,
endlich auch der eigenen Vergangenheit kritischer zuwendet.
Nachtrag: Rudolf Augstein verstarb am 7. November 2002, zwei Tage nach
seinem 79. Geburtstag, an den Folgen einer Lungenentzündung.
Otto Köhler, geboren 1935, war von 1966 bis 1972
Medienkolumnist des "Spiegel". Er schrieb und schreibt u.a. für "Pardon",
"Zeit", "Stern" und "Konkret", ist Mitherausgeber der Zeitschrift "Ossietzky"
und arbeitet für den WDR. Otto Köhler, Autor zahlreicher Bücher und
Buchbeiträge, lebt bei Hamburg.
Otto Köhler in
KONKRET 05/92:
Offizielle Mitarbeiter
Ein erster Blick auf Augsteins unbewältigte
Vergangenheit zeigt: Der "Spiegel", von seinem Verleger in jüngster Zeit
wieder auf alldeutsch-völkischen Kurs gebracht, war schon zu seiner
Gründungszeit ein nationalistisch-antisemitisches Kampfblatt, das NS-Mörder
verteidigte und ehemalige hohe Beamte des Sicherheitsdienstes (SD) der SS
zu Ressortleitern beförderte.
Woche für Woche meldet der "Spiegel" seit langem "weiter
Aufklärungsbedarf" bezüglich der Kontakte zwischen dem Kirchenmann Manfred
Stolpe und der Stasi. Rudolf Augstein selbst präzisierte dieses Verlangen,
indem er Stimmen zitierte, die Stolpe aufforderten, er müsse "die Hosen
endlich runterlassen, und zwar bis ganz unten". Da wird "rückhaltloses
Offenlegen" verlangt, schon aus Gründen einer guten Tradition. Augstein: "Aber
kann denn der `Spiegel, der seit 45 Jahren aufklärerisch zu wirken sich
bemüht, jetzt auf einmal Akten unterdrücken?" Stolz zeigt sich Augstein
heute, daß Erich Mielke "im `Spiegel schon 1950 als Doppelmörder
figurierte".
Das ist falsch. Mielke figurierte bereits am 5. Mai 1949
im "Spiegel" als Doppelmörder, eine Woche bevor das Magazin jenem ersten
Gestapo-Chef Rudolf Diels seine Spalten zu einer Rechtfertigungs-Serie
("Die Nacht der langen Messer fand nicht statt") öffnete, dessen Leute aus
Zeugen das Geständnis herausfolterten, das Mielke als Doppelmörder
belastete. Das zweite Mal figurierte Mielke als Doppelmörder am 27.
Oktober 1949 im "Spiegel", vier Wochen nachdem Rudolph Augstein "herzlichst"
dem "lieben `Spiegelleser" eine neue Serie über die "erstklassigen
Kriminalisten" im Reichssicherheitshauptamt des Reinhard Heydrich
angekündigt hatte.
Es ist darum verständlich, daß Augstein nichts wissen
will von diesen beiden ersten Erwähnungen des im "Spiegel" schon so
frühzeitig überführten "Doppelmörders" - ob der Vorwurf zu Recht besteht,
entscheidet demnächst ein Gericht. Aber es ist gleichzeitig auch unklug
von Augstein gewesen, auf das aufklärerische Wirken des "Spiegel" im Jahr
1950 zu verweisen. Ich habe viel nachgelesen. Doch bevor ich aufzeige, was
ich gefunden habe, komme ich um eine Vorbemerkung nicht herum: Ich bin
gegenüber dem "Spiegel" in mancherlei Hinsicht befangen. Der Leser hat ein
Recht darauf, daß ich darüber Rechenschaft ablege, bevor ich mich mit
einer so auch von mir bisher nicht wahrgenommenen Vergangenheit des
"Spiegel" beschäftige.
Spätsommer 1953: Ich bin aus der Industriestadt
Schweinfurt nach Würzburg gekommen und habe mich zum Studium an der
Universität eingeschrieben. Das Bild von damals sehe ich noch heute klar
vor mir: Ich sitze auf einer Bank beim Studentenhaus, lese den "Spiegel",
lese Jens Daniel - so nannte sich Augstein damals in seinen Leitartikeln ,
lese begeistert seine Kritik an Konrad Adenauer und seiner Regierung. Und
da kommen vom Studentenhaus her drei bunt uniformierte Gestalten: zwei
Füchse, die ihren total betrunkenen Fuchsmajor über die Straße schleppen.
Der Anblick wurde zur Entscheidungssekunde meines Lebens:
Dieses devote Pack, das alles tut, was man ihm aufträgt, und die da oben,
die selbst dann noch herrschen, wenn sie sinnlos besoffen sind, sie wollte
ich bekämpfen. Ich wollte auch ein Jens Daniel werden: Kanonier am "Sturmgeschütz
der Demokratie", wie Rudolf Augstein damals seinen "Spiegel" nannte. Die
militärische Redeweise fiel mir kleinem Neo-Pazifisten damals gar nicht
auf - sechs Jahre zuvor, als Zwölfjähriger, hatte ich noch von Hitler
geschwärmt. Dreizehn Jahre später ging mein Jugendtraum in Erfüllung. Ich
war Augstein bei "Pardon" als Springer-Kritiker aufgefallen und wurde
Medienkolumnist des "Spiegel". Erst später ging mir auf, daß mein
Engagement einen nützlichen Nebeneffekt hatte: Der Kanonier gegen den
Zeitungs-König war zugleich das Feigenblatt für den Druckvertrag, den
Augstein gerade mit Axel Springer abschloß.
Meine erste Kolumne für den "Spiegel" war eine
Auseinandersetzung mit dem unterschwelligen Antisemitismus in der
Titelgeschichte des Magazins "Capital" über "Juden + Wirtschaft" - ich
hätte sie ein Vierteljahrhundert später ebensogut über den "Spiegel" und
seine Gysi-Titelgeschichte "Der Drahtzieher" (Nr. 3/90) schreiben können.
Nicht im "Spiegel". Der hatte meine Kolumnen nahezu regelmäßig fünf Jahre
lang gedruckt und mich dann entlassen, weil zwischen ihm und mir zu keiner
Zeit eine Übereinstimmung über Inhalt und Form der Kolumne bestanden habe.
Es ist also ein merkwürdiges Gemisch von Sentiments, die
ich seither für und gegen den "Spiegel" empfinde: der vor die Tür gesetzte
Liebhaber, der mehr und mehr merkte, daß die Angebetete auch nicht die
Schönste ist, der sich aber bis heute ihr Jugendbild im Herzen bewahrt
hat.
Nun ist auch das perdu, seit dem leichtsinnigen Hinweis
Rudolf Augsteins auf das Projekt der Aufklärung, das der "Spiegel" seit 45
Jahren betreibe. Ich habe tagelang in dem von Augstein gerühmten Jahrgang
1950 gelesen, zum ersten Mal. Als er erschien, war ich erst 15 Jahre, so
alt wie Helmut Kohl 1945. Mich interessierte, wie der "Spiegel", der heute
Woche für Woche die Machenschaften der Staatssicherheit und ihrer
wirklichen und vermeintlichen Helfer anklagt, sich damals zum
fürchterlichsten Träger der NS-Diktatur verhalten hat, zum
Reichssicherheitshauptamt Reinhard Heydrichs. Und insbesondere zum dort
angesiedelten SD, zum Sicherheitsdienst der SS, der laut Erlaß vom 14.
September 1938 als "Einrichtung der Partei" definiert wurde mit dem
Hinweis: "Der organisatorische und menschliche Träger dieser Einrichtung
ist die SS als Gliederung der Partei."
Es ist die "Spiegel"-Ausgabe vom 2. Februar 1950, in der
Mielke zum dritten, für Augstein zum ersten Mal als Doppelmörder erwähnt
wurde. Diese Erwähnung findet sich auf Seite 12 in einer Geschichte über
die nach NS-Vorbild gegründete antisemitische Untergrundbewegung NTS (Russische
Solidaristen). Sie hat gerade einige Eisenbahnbrücken über die Oder und
die Neiße gesprengt. Der "Spiegel" lobt, daß die NTS-Leute sich an Gandhis
Beispiel orientierten. Wahr ist: Sie wollten Rußland von Stalin und von
den Juden befreien.
Zwölf Seiten weitergeblättert: die achtzehnte
Fortsetzung der Serie "Das Spiel ist aus - Arthur Nebe. Glanz und Elend
der deutschen Kriminalpolizei". Nebe war innerhalb von Heydrichs
Reichssicherheitshauptamt Chef des Reichskriminalpolizeiamtes und wurde
dort mit dem Range eines SS-Gruppenführers "angeglichen". Nebe, der später
auch Kontakt zu den Verschwörern des 20. Juli hielt und so umkam, war von
Juni bis November 1941 Chef der Einsatzgruppe B, einer Todesschwadron, mit
der er nach seinen eigenen Meldungen 45.467 Personen liquidierte. Wir sind,
wie erwähnt, in der achtzehnten "Spiegel"-Fortsetzung: "Irrenhaus in
Minsk. Irrenhaus in Smolensk: Hunderte ärmster Menschen, irre, tobsüchtige,
in Lumpen gehüllte und heruntergekommene Menschen, ohne Nahrung und ohne
Pflegepersonal. Nebe funkt an Heydrich. Antwort: `Liquidieren! Nebe ist
konsterniert. Er geht selbst in das Irrenhaus. Unmöglich! Wie sollte man
diese Leute erschießen? Das war schon rein technisch unmöglich. Man müßte
sie festhalten, binden, um den Schützen einen einigermaßen sicheren Schuß
zu ermöglichen. Die Exekution würde Tage dauern. Wer sollte das aushalten."
Mord ist ein schwieriges, verantwortungsvolles Handwerk,
lernt der "Spiegel"-Leser, er bereitet auch erfahrenen Tätern schlimme
Stunden. Aber es gibt einen Ausweg: "In Nebe entsteht ein Plan. Er läßt
einen Teil der Kranken in eine kleine Holzbaracke, eine Garage, bringen
und einen starken Pkw vorfahren. Der auf hohen Touren laufende Wagen
strömt seine Auspuffgase in den Raum. Aber die Garage ist nicht dicht.
Erschauernd vor einem Guckloch erschrickt Nebe vor seiner eigenen
Grausamkeit. Aber er muß irgend etwas unternehmen. Wieder ventiliert er
das Erschießen. Unmöglich! Dann läßt er die Garage vollständig abdichten
und wiederholt den Versuch mit einem noch stärkeren Wagen. Erfolgreich.
Nebe ist vollends am Ende. Er tröstete sich mit dem Gedanken, ordentliche
Männer seiner Einsatzgruppe vor der Durchführung der grauenvollen
Exekution bewahrt zu haben."
Erfolgreich - daß heißt: Die zu ermordenden Menschen
sind exekutiert. Sie sind am Ende und brauchen keinen Trost mehr - den
braucht der Mörder.
Es ist dasselbe Problem, das auch Himmler bewegt hat -
im "Spiegel" gedeiht es zur Gewissensqual eines empfindsamen Menschen. Die
Opfer sind nur Objekt, vermutlich empfinden sie nichts bei ihrem Tod,
leiden jedenfalls weniger als Nebe, der seine Seelenqual beim Vergasen mit
Champagner hinunterspülen mußte (Marke Veuve Cliquot - da zeigte sich
schon früh die Qualität der "Spiegel"-Recherche).
Für Rudolf Augstein war - als die Serie mit ihrer 30.
Fortsetzung endlich ein Ende nahm - Arthur Nebe, der Massenmörder, nichts
anderes als "ein ängstlicher, anständiger, ehrgeiziger Beamter, der vor
der Gewalt zurückwich, bis er sich selbst nicht mehr ins Gesicht gucken
konnte". Vor der Gewalt zurückwich? War er das Opfer, und sind die
Ermordeten Ursache seines Leidens gewesen? Augsteins Fazit: "Arthur Nebe
ist tot. Aber die Gewalt ist mächtiger denn je. Wir alle sind kleine oder
größere Nebes."
Doch da blieb ein Wunsch für die Zukunft, nachdem der
Fall Nebe "gründlichst entwirrt" war: Die "Spiegel"-Serie des ungenannten
Autors führe doch, so Augstein, "den heutigen Polizei-Verantwortlichen vor
Augen, daß die Kriminalpolizei ... auf ihre alten Fachleute zurückgreifen
muß, auch wenn diese mit einem SS-Dienstrang `angeglichen worden waren".
Augstein nennt 1950 Beispiele, die er für positiv hält:
"Wer auf Vernunft stieß", der sei "schon wieder Kripo-Leiter". Andere SS-Sturmbannführer
aber müßten, so klagt er, noch immer warten. In Bonn hätten sich die
Parteien schon beim Aufbau eines Bundeskriminalamtes eingeschaltet,
beschwert sich Augstein und fügt hinzu: "Bleiben die `Angeglichenen
ausgeschaltet, ist mehr Raum für Partei-Kriminalisten. Traun fürwahr."
Ja, traun, das klassische antidemokratische Ressentiment:
im guten Kampf gegen Parteibuchbeamte der neuen Demokratie sollen die
alten NS-Beamten, die alle nur das eine Parteibuch hatten, den Sieg
davontragen. Und so geschah es dann auch: Im Rahmen des 131-Gesetzes gab
es in den fünfziger Jahren ganz nach Augsteins damaligem Wunsch auf dem
Gebiet der Bundesrepublik mehr NSDAP-Beamte als in der NS-Zeit.
Der Autor der Nebe-Serie blieb damals ungenannt. Doch
1981 war bei Helmut Krausnick und Hans-Heinrich Wilhelm ("Die Truppe des
Weltanschauungskrieges") nachzulesen, daß es der in der Serie vielfach (selbst)rühmend
erwähnte Nebe-Untergebene Bern(har)d Wehner war: SS-Hauptsturmführer im
Amt V. des Reichssicherheitshauptamtes, nach dem Krieg Leiter der
Düsseldorfer Kriminalpolizei und für den "Spiegel" Serienheld und
Serienautor zugleich.
Am 6. Juli 1950 beginnt im "Spiegel" eine neue Serie "Am
Caffeehandel beteiligt - Deutschlands Schmuggler", die wie eine
konventionelle Grenz-Geschichte anhebt und doch Rudolf Augstein am 4.
August zu der umständlichen Versicherung zwingt: "Sie, unsere Leser,
wissen, daß wir uns selbst verbieten würden, wenn wir uns dabei ertappten,
daß wir den wenigen deutschen Verbrechern und allen deutschen Spießern,
denen antisemitische Scheuklappen Lebensbedürfnisse sind, Sukkurs
gewährten."
Tatsächlich muß damals beim "Spiegel" ein Verbot
bestanden haben, sich bei solchem Sukkurs zu ertappen oder ertappen zu
lassen. Die erste Folge ist noch harmlos, wenn man von den Schmugglern
absieht, die "nach Zigeunerart wieder mal eine Fehde untereinander
ausgetragen und einem der ihren die Knochen gebrochen haben". Doch dann
wandte sich die Serie der Möhlstraße in München zu, die damals für den
"Spiegel" das war, was heute für "Bild" die Hafenstraße in Hamburg ist:
Hauptquartier des Terrors, damals ausgeübt von DPs, von denen die meisten
für die damalige Mentalität erkennbar als Juden beschrieben wurden. DPs,
das war die Abkürzung für Displaced Persons, Menschen also, die von den
Nazis aus allen von ihnen beherrschten Ländern Europas verschleppt worden
waren. Daß sie sich nach ihrer Befreiung aus den KZs des Nazi-Reiches
nicht benahmen wie freundliche Touristen, mochte, wer ein gutes Gewissen
hatte, kritisieren; der "Spiegel" aber betrieb Volksverhetzung, nannte sie
"DP-Terroristen", sprach vom "Ringverein der Möhlstraße", von der "Möhlstraßen-Republik
der Schmuggler und Hehler", die "längst schon ein europäischer Skandal"
geworden sei.
Und es fehlte nicht an sachdienlichen Hinweisen, wohin
der Volkszorn zu adressieren war, jedem Judennamen war, wo immer sich das
ermitteln ließ, die Adresse und sogar die Telefonnummer beigegeben -
"Spiegel"-Service fürs Pogrom. Da es nicht zustandekam und auch "die
Lebensmittelhändler, die am 15. Juli 49 gekommen waren, um die
Möhlstraßen-Schmuggler zu stäuben", daran gehindert wurden, zeigte sich
der "Spiegel" enttäuscht und dachte über die Unmöglichkeit einer Endlösung
nach: "Das Ausbrennen der Schmugglerhochburg Möhlstraße ist insofern sehr
schwierig..."
Mit besonderer Genugtuung wurde von den "Spiegel"-Autoren
- wir werden sehen, sie hatten Grund dazu - der Urteilsspruch eines
Landgerichtsdirektors Dr. Parey - aus der Zeit nach der Befreiung 1945 -
zitiert: "Jeder Mann in der Umgebung Verdens kannte zu damaliger Zeit seit
langem das Lager Bergen-Belsen als einen Hort vieler unehrlicher Elemente.
Wirtschaftsverbrechen und Großschiebungen waren dort an der Tagesordnung..."
Am 31. Juli 1950 müssen Augstein und der "Spiegel" einen
gerichtlichen Vergleich unterschreiben, der Grenzen ihrer
Aufklärungstätigkeit aufzeigt: Sie hätten, so versichern sie, "nicht zum
Ausdruck bringen wollen, daß vornehmlich Menschen jüdischen Glaubens an
dem Kaffeeschmuggel beteiligt sind". Am 3. August formuliert Augstein im
"Spiegel": "Klibansky als Anwalt der bayerischen Judenheit" habe zuvor
eine einstweilige Verfügung gegen den "Spiegel" beantragt. Augstein
beschreibt den Juden: "Dieses Zwischending von einem römischen Volksredner
und einem Teppichhändler aus Smyrna, dieser kleine dicke Mann..., der mit
der Behendigkeit eines Waschbären und mit dem Habitus eines Pinguin den
Gerichtssaal durchmaß..." Und beklagt sich, daß in der Verhandlung "der
Vergleich mit dem `Stürmer mehr als einmal zelebriert" worden sei.
Die Aufklärungsserie des "Spiegel" über den von Juden-
und DP-Terror beherrschten Kaffeeschmuggel stammte nicht aus der
"Spiegel"-Redaktion. Sie wurde im Kontor des an der Ausschaltung des
Schmuggels höchst interessierten Kaffeehandels geschrieben - und natürlich
auch mit Kaffeeanzeigen ("Wenn Bohnenkaffee, dann IDEE oder Darbohne")
garniert. So wurde - Aufklärung aus erster Hand - die "Spiegel"-Serie über
den SD vom SD verfaßt und die "Spiegel"-Serie über den ruinösen
Kaffee-Schmuggel vom Kaffee-Kontor.
Aber da können wir uns auch täuschen. Gewiß, die beiden
Autoren hießen Georg Wolff und Dr. Horst Mahnke, der eine PR-Mann, der
andere Chef der Abteilung Marktbeobachtung beim Kaffee-Einfuhrkontor im
Hamburger Freihafen. Daß sich der "Spiegel" damals seine Serie von
Vertretern des Verbands schreiben ließ, dessen Interessen in dieser Serie
nachhaltig gefördert wurden, ist heute kaum noch aufregend. Aber ein
Kontor im Hamburger Freihafen, das sich mit dem Import aus der großen
weiten Welt, aus Südamerika etwa, befaßte, war nach dem Ende der NS-Herrschaft
für bestimmte Leute auch für Exportzwecke sehr interessant. Wolff gehörte
- so lese ich in Leo Brawandts "Spiegel"-Hagiographie - während des
Krieges in Norwegen dem Stab des Befehlshabers der Sicherheitspolizei und
des SD an. Dieser Befehlshaber war zeitweise Dr. Franz Stahlecker, der
sich als Chef der Einsatzgruppe A im Osten rühmte, 128.432 Juden
umgebracht zu haben. Über Dr. Mahnke - den zweiten ungenannten
Kaffee-Serienautor - las ich im "Spiegel" vom 29. Dezember 1949, daß er
Referent eines Professors und SS-Standartenführers Dr. rer.pol. Franz Six
gewesen sei, dem ein Agent namens Walter Hirschfeld übel mitgespielt habe.
Dieser Artikel zeigt die gleiche Handschrift wie ein
halbes Jahr später die Kaffee-Serie. Von dem Agenten Hirschfeld wird nicht
nur die "Blutwarze auf der Knollnase" beschrieben, die Adresse von
Hirschfelds "Feudalwohnung" ist unverfehlbar angegeben: "Hirschgasse Nr.16
(3mal läuten)". Die Telefonnummer (Hdlbg 5833) zur persönlichen Aussprache
zwischen den "Spiegel"-Lesern und dem Denunzianten anständiger Deutscher
wurde sorgfältig vermerkt, ebenso wie die Autonummer AW 66-4443 seines "uralten
2-Liter-Adler". Mit solch präzisen Angaben las sich ein "Spiegel"-Artikel
von damals wie eine Stasi-Akte von heute.
Vorwurf des "Spiegel": Hirschfeld habe sich im Januar
1946 in das Vertrauen der Six-Schwester Marianne eingeschlichen, die habe
ihm den Unterschlupf ihres Bruders und seines Adjutanten Mahnke in der
Nähe von Hannover genannt, worauf die beiden vom Secret Service
festgenommen wurden. Das alles wurde vom "Spiegel" als Verrat eines
Kameraden präsentiert und als Mord: Die Six-Schwester wurde tödlich
vergiftet aufgefunden. Der "Spiegel" stellte den mutmaßlichen Selbstmord
als Tötung durch Hirschfeld dar.
Über die Tätigkeit von Six selbst dagegen kein
aufklärendes Wort, obwohl das Nachrichtenmagazin im Jahr zuvor dreimal aus
dem Nürnberger Einsatzgruppen-Prozeß berichtet hatte, in dem auch Six zu
zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Der Professor für
Zeitungswissenschaften, bei dem sich Mahnke nach Kriegsbeginn am 17.
Oktober 1939 mit dem Thema "Die freimauerische Presse in Deutschland.
Struktur und Geschichte" einen Doktor-Titel geholt hatte, brachte bald
darauf seinen Hochschul-Assistenten mit in Reinhard Heydrichs
Reichssicherheitshauptamt. SS-Standartenführer Professor Dr. Franz Alfred
Six übernahm das Amt VI. "Weltanschauliche Forschung und Auswertung", und
sein Assistent, der damalige SS-Untersturmführer Dr. Horst Mahnke, dort
das Referat VII B3 Marxismus.
1941 zogen der Professor und sein Assistent zwecks
praktischer Anwendung ihrer Erkenntnisse in den Krieg - oder das, was sie
daraus machten. Six wurde Leiter einer mobilen Mordtruppe, des
Vorauskommandos Moskau der Einsatzgruppe B, Mahnke wirkte als sein
Adjutant. Das Vorkommando sollte in Moskau die Listen der KPdSU-Mitglieder
zwecks Liquidation sichern und übte schon im Vorfeld eine ausgedehnte
Mordtätigkeit auch an Frauen und Kindern aus. Das befähigte Six nach der
Rückkehr aus der Sowjetunion, als Gesandter I. Klasse die Leitung der
Kulturpolitischen Abteilung zu übernehmen. Wieder dabei als persönlicher
Adjutant: der inzwischen zum SS-Hauptsturmführer aufgerückte Dr. Horst
Mahnke. Zu den kulturellen Aufgaben des neuen Amtes gehörten Vorträge, in
denen Six - wie am 3./4. April 1944 in Krummhübel - die wissenschaftliche
Erwartung aussprach: "Die physische Vernichtung des Ostjudentums entzieht
dem Judentum die biologischen Reserven." Bereits 1952 war er wieder auf
freiem Fuß und arbeitete fortan als Porsche-Vertreter zugleich auch für
die Organisation Gehlen, den heutigen Bundesnachrichtendienst.
Am 16. Februar 1950 erschien im "Spiegel" ein Leserbrief
- Unterschrift Dr. Mahnke , der Interessierte darauf aufmerksam machte,
daß Hirschfeld, der 1946 die Festnahme von Six ermöglicht hatte, ein "schlecht
blondierter Agent" sei. Ein anderer Leserbrief - Unterschrift "Name
uninteressant" - wurde deutlich: "Um den Hirschfeld machen Sie sich man
keine Sorgen, der steht sowieso schon auf der Liste und wird wohl keines
natürlichen Todes sterben." Tatsächlich war der "Spiegel"-Beitrag vom 29.
Dezember1949 unter der in jeglicher Hinsicht sachdienlichen Überschrift
erschienen: "Merkt euch den Namen Hirschfeld".
Immerhin war es Augstein doch etwas peinlich, daß der
"Spiegel" so schlicht als Feme-Organ betrachtet werden konnte, ganz aber
wollte er sich davon auch nicht distanzieren. Und so formulierte er kühl,
einige Leser hätten sich aus dem "Spiegel"-Artikel die Aufforderung
herausgelesen, "dem Hirschfeld ein Leids zu tun". Doch da gab sich
Augstein friderizianisch tolerant: "Es wäre verkehrt, dem Hirschfeld ein
Haar zu krümmen. Er mag so leben, wie es ihm in diesem Land noch möglich
ist, und die Amerikaner mögen sich überlegen, ob sie sich von dem Sturm
und Drang ihrer ersten Jahre hier nicht entschieden absetzen sollten."
Warum sollten sich "Spiegel"-Leser den Namen Hirschfeld
merken? Und warum wollten "Spiegel"-Leser diesen Mann getötet sehen?
Hirschfeld war der Feme verfallen. Er war auch für den "Spiegel" ein
Verräter. DasUntertauchen von SS-Massenmördern wurde - so lehrt uns das -
vom "Spiegel" gebilligt, wer die Untergetauchten ans Tageslicht zog, galt
in seinen Spalten als Denunziant.
Dafür bietet die "Spiegel"-Geschichte über die
Entdeckung von Six und Mahnke durch Hirschfeld ein weiteres Beispiel: "Am
frechsten hat er dem Augsburg mitgespielt. Kurz vor der Kapitulation war
der SS-Sturmbannführer Dr. habil. Emil Augsburg, Rußland-Spezialist im Amt
VI. (des Reichssicherheitshauptamtes), als Privatsekretär eines hohen
Vatikanbeamten polnischer Herkunft im Benediktiner-Kloster Ettal
untergetaucht." Zu ihm sei Hirschfeld gekommen, angeblich als Beauftragter
von Six, und habe ihm nachrichtendienstliche Aufträge übermittelt. Der
"Spiegel": "Augsburg trommelte seine alten Fachleute zusammen. Tolle
Dinger wurden gedreht. Nicht immer einwandfrei, nicht immer ungefährlich.
Aber für Six wurde es getan." Für den "Spiegel" ein empörender Betrug.
Denn Hirschfeld war nicht im Auftrag von Six, sondern des CIC erschienen.
Wer war dieser Augsburg, der später für die Organisation
Gehlen und dann für die CIA arbeitete? Christopher Simpson in "Der
amerikanische Bumerang. NS-Kriegsverbrecher im Sold der USA" (Wien 1988):
"Gehlens zweitwichtigster Mitarbeiter für Ostangelegenheiten war Dr. Emil
Augsburg, ein ehemaliger SS-Standartenführer aus Himmlers Stab in Polen.
Wie Eichmanns hatte auch Augsburgs Laufbahn in Six Abteilung begonnen...
Während des Krieges leitete Augsburg... ein Mordkommando im besetzten
Rußland. Er erzielte `außergewöhnliche Ergebnisse..."
Simpson weiter: "Nach dem Krieg blieben Augsburg und Six
mit den früher von Berlin finanzierten Emigrantengruppen in enger
Verbindung und berieten die CIA bei der Auswahl von Agenten, die in
Osteuropa bei Operationen hinter den Linien eingesetzt wurden."
Eigentlich war Rudolf Augstein gewarnt. Der "Spiegel"
hatte sich wegen der Kaffee-Serie von Mahnke und Wolff öffentlich den
Vorwurf des Antisemitismus zugezogen. Augstein mußte, wenn er den
"Spiegel" vom 29. Dezember 1949 gelesen hatte, wissen, daß Mahnke die
rechte Hand von Franz Alfred Six war, eines gerichtsnotorischen
Massenmörders. Es scheint ihn nicht gekümmert zu haben. Am 27. Februar
1952 zeichnet im "Spiegel"-Impressum für das Ressort Ausland und
Internationales noch einmal Kurt Blauhorn verantwortlich, ein früherer
Redakteur des "Neuen Deutschland", der bis zu seiner Flucht den "Spiegel"
mit Informationen beliefert hatte. Am 5. März 1952 ist das Ressort dann
aufgeteilt. Ressort-Leiter Ausland ist jetzt Georg Wolff, Ressortleiter
Internationales Dr. Horst Mahnke.
Mahnke und Wolff, vom SD über den Freihafen-Kaffeehandel
direkt in die Chefsessel zweier "Spiegel"-Ressorts, das sind zwei
ungewöhnliche Karrieren, die nach Aufklärung schreien müßten. Schon gar
bei einem Organ, das seit 45 Jahren - wir lasen es im "Spiegel" -
aufklärerisch zu wirken sich bemüht. Doch damals schrie nichts nach
Aufklärung, denn der SD hieß - Rudolf Augstein wird das begründen können -
nun einmal nicht Stasi.
Es gibt Momente in einem Journalistenleben, da lehnt man
sich nach langer Arbeit kurz zurück und klopft sich selbst auf die
Schulter. Aber nach diesen Tagen der "Spiegel"-Lektüre aus den fünfziger
Jahren steh ich am offenen Grab, singe das Lied vom alten Kameraden: "...als
wär`s ein Stück von mir". Der Jugendtraum ist ausgeträumt. Die Schaufel
her - und Erde drauf.
Otto Köhler in aus
KONKRET 05/92
Nationale Impulse:
Einige Titelseiten des deutschen
Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL als Begleitmusik zur Eingliederung der DDR
Archiv Graeme Atkinson
Reunited Germany - The New Danger
hagalil.com
07-01-03 |